Formen des Antisemitismus

In Deutschland haben wir verschiedene Kategorien oder Formen benannt, unter denen Antisemitismus zusammengefasst wird. Gleich ist diesen Kategorien, dass Antisemitismus ausgrenzt. Er grenzt ‚die Juden‘ als Minderheit aus der Mehrheit aus. Und zwar meist aufgrund alter Vorurteile. Es gibt Antisemitismus aus dem politisch rechten Lager, von links und aus der Mitte der Gesellschaft.

Hier findest Du mehr über verschiedene Formen des Antisemitismus:

Christlicher und mittelalterlicher Antijudaismus

Im Judentum gibt es die Ankündigung, der Messias (משיח) würde kommen und das Volk Israel befreien. Befreien vom Unheil, führen in den Schalom (שלום), den umfassenden Frieden, gesandt von Gott persönlich. Sie warteten (und warten immer noch).

Zu biblischen Zeiten nun gab es zahlreiche Menschen, die auf offenen Plätzen über ihre Ideen sprachen. Darunter auch viele Juden, die sich für das Sprachrohr Gottes hielten. Jesus von Nazareth, so vermutet man heute, konnte mit seiner Lehre, seinen Geschichten, Weisheiten und auch Taten Menschen überzeugen und wurde für diese der lang ersehnte Messias. Andere Juden aber glaubten nicht, dass Jesus ihr von Gott geschickter König sei und so musste es letztendlich zu Anhängern zweier Religionen führen: Jenen, die das Judentum weiter lebten und jenen, die aus Jesus Ideen das Christentum entstehen ließen. Dabei sprach Jesus nicht nur Juden an, sondern bot eine Religion, die allen offen stehen sollte. Das Christentum entstand also durch Jesus, den Juden.

Jesus Geschichten wurden viele Jahre nach seinem Tod von verschiedenen Menschen aufgeschrieben. Die Geschichten über ihn findet man im Neuen Testament, das dem Alten Testament, der hebräischen Bibel, dem Tanach zeitlich folgt.

Juden hatten sich in der Diaspora über die Welt zerstreut, damit auch in das Gebiet des heutigen Deutschland. Über Gewaltausschreitungen von Christen gegenüber Juden wird bereits seit dem 4. Jahrhundert unserer Zeit berichtet. Begründet wurde die Judenfeindschaft unter anderem mit dem Vorwurf, Juden seien die ‚Mörder Christi‘, denn Judas habe Jesus verraten. Jesus wurde allerdings von den Römern zum Tod durch Kreuzigung verurteilt. In der frühchristlichen Auslegung wurden jedoch die Juden zu den ewigen Verrätern, die dadurch auch vom Heil ausgeschlossen seien.

Dass die Juden Jesus nicht als Messias anerkannten, machte sie nicht nur als Religion gleichen Ursprungs zu Rivalen, sondern immer wieder zu einer theologischen Gefahr. Wie kann man etwas als Wahrheit belegen, das diejenigen mit dem gleichen Gott, dem gleichen Buch, nicht anerkennen? Die christlichen Machthaber und ihre Bevölkerung festigten also immer mehr die Abneigung gegenüber diesem jüdischen Störfaktor. Fragen der eigenen Überzeugung und um die eigene Legitimation herum drängten sie immer wieder in eine Misere, die sie den Juden schließlich zum Vorwurf machten.

Ein wichtiger Teil in der Entwicklung der christlich-jüdischen Geschichte waren die Kreuzzüge ab etwa 1000 n.u.Z. Die christlichen Kreuzritter sahen die Missionierung als ihren Auftrag. Ihrer Überzeugung nach hatte Jesus gewollt, dass am besten alle Menschen, Christen werden müssten. Überliefert ist, dass viele Juden den Tod einer Taufe vorzogen.

In den folgenden Jahrhunderten gab es zahlreiche blutige Verfolgungen von Juden durch Christen. Dabei fanden sie verschiedenste Begründungen. Immer wieder wurde behauptet, dass Juden ‚Ritualmorde‘ verüben würden, also dass sie christliche Kinder ermorden und deren Blut für rituelle Zwecke nutzen würden. Besonders spannend ist hierbei die gezogene Parallele, dass König Herodes zu biblischen Zeiten den Mord aller jüdischen Knaben angeordnet hatte, um die angekündigte Ankunft des Messias zu verhindern. Bis heute wiederholt sich der Vorwurf, Juden könnten nichtjüdische Kinder ermorden – was sie, keine Sorge, natürlich nicht tun.

Martyrium des Simon von Trent, Darstellung aus der Nürnberger Weltchronik von Hartmann Schedel.
Martyrium des Simon von Trent, Darstellung aus der Nürnberger Weltchronik von Hartmann Schedel von 1492. Die Ritualmordlegende um den christlichen Jungen, der angeblich von Juden ermordet wurde hielt sich bis in das 20. Jahrhundert.

Ein anderes Stereotyp, das im Mittelalter entstanden ist und bis heute fortwirkt, ist das von Juden als Brunnenvergifter. Im Mittelalter gab es viele Seuchen, die man sich nicht erklären konnte, wie zum Beispiel die Pest. Den Juden traute man die schlimmsten Verbrechen zu (schließlich waren sie angeblich ja auch für den Tod von Jesus verantwortlich), so dass es immer wieder zum Vorwurf kam, Juden hätten das Trinkwasser vergiftet und dadurch die Seuche ausgelöst.

Einige der während dieser christlich-jüdischen Geschichte entstandenen Vorurteile sind die Wurzeln des Antisemitismus und heften bis heute an Juden. Man kann über die Entstehung der christlichen Vorurteile recherchieren und leider vielen auch noch heute begegnen.

Aus dieser Zeit stammt beispielsweise die Vorstellung, Juden mit Geld in Verbindung zu bringen. Tatsächlich war es Juden schlicht verboten, vielen ‚ehrbaren‘ Berufen nach zu gehen. Dies war über die ‚Standes- und Zünfteordnung‘ geregelt. Juden war zeitweise fast ausschließlich der Geldhandel erlaubt. Der Geldverleih galt als Wucher, die Juden somit als Wucherer. Bis heute hält sich das Vorurteil des geldgierigen, geizigen oder geschäftstüchtigen Juden.

Aus dem Mittelalter stammt auch die Kennzeichnung von Juden durch äußere Merkmale, beispielsweise ein spitzer Hut, den Juden tragen sollten und mit dem sie oftmals dargestellt wurden (und immer wieder auch werden).

Es gibt auch viele Bilder, die bis heute zu sehen sind. So zum Beispiel die sog. Judensau an Kirchen. Das ist ein Motiv aus dem Mittelalter, das die Juden verhöhnen sollte. Sie wurden gezeigt, wie sie an den Zitzen einer großen Sau saugen. Schweine sind im Judentum unreine Tiere, so dass dies eine besondere Entwürdigung darstellt. Bis heute sind solche Judensäue noch an einigen Kirchen zu sehen. Manche Kirchen haben eine Tafel zur Erklärung aufgestellt. Die Frage stellt sich, ob man die Statuen aus historischen Gründen einfach dort lässt oder ob sie nicht doch besser entfernt werden sollten? Was meint ihr?

Judensau an der Stadtkirche Wittenberg, Foto: Posi66, CC BY-SA 4.0

 

Rassischer Antisemitismus

Jahrhundertelang waren Staat und Kirche nahezu identisch. Zu dieser Zeit wurden Juden als Ungläubige verachtet. Während des Zeitalters der Aufklärung, also etwa ab dem Jahr 1700 n.u.Z., führten rationales Denken und Vernunft auch zu einer toleranten Einstellung gegenüber anderen Religionen.

Man sollte meinen, dass es seitdem nur noch mehr Fortschritte geben konnte. Aber während des Nationalsozialismus wurde zur Ermordung möglichst aller Juden aufgerufen. Wie kam das?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand in der neuen, rationaleren Welt unter anderem die ‚Rassenlehre‘. Die alten Vorbehalte gegenüber Juden wurden vermeintlich wissenschaftlich, als biologisch erklärbar, neu begründet. Im Blut seien charakterliche und körperliche Gemeinsamkeit ‚der Juden‘ angelegt. Über Karikaturen wurden dann die Vorstellungen einer ‚jüdischen Rasse‘ greifbar. Wilhelm Busch etwa konkretisierte so das Bild ‚des Juden‘. Eine große krumme Nase, eine leicht gebückte Haltung – das gesamte Aussehen bildete eine angeblich angeborene Hinterhältigkeit ab. Der ‚prototypische Jude‘ wurde äußerlich erkennbar. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde gar vor einer Vermischung mit dem Blut der Juden gewarnt.

Aus einem Buch von Wilhelm Busch: „Kurz die Hose, lang der Rock, / Krumm die Nase und der Stock, / Augen schwarz und Seele grau / Hut nach hinten, Miene schlau – / so ist Schmulchen Schievelbeiner. / (Schöner ist doch unsereiner!)“

In seiner Ideologie vermischte Adolf Hitler schließlich christliche Vorstellungen mit biologischen Annahmen. Im Christentum etwa gab es die Vorstellung der Reinheit Christi; der Reinheit durch die unbefleckte Empfängnis. Hitler formulierte die Vorstellung, des reinen arischen Blutes. Dieses galt als stark, rechtschaffen, gut, gut für die Gesellschaft und als auserwählte Art (Rasse). Andere ‚Rassen‘ hingegen hatten allgemein angeblich schlechteres Blut. Schwach oder krank etwa und meist schlecht für die idealtypische ‚arische Gesellschaft‘. Das Blut der Juden galt als besonders gefährlich und gehörte bestenfalls ausgerottet. Mit den Nürnberger Rassengesetzen wurde eine biologische Vererbungslehre zur Rechtsgrundlage gemacht, die pseudowissenschaftlich die Zugehörigkeit zum Judentum über Blut festlegte. Das entspricht zum einen nicht den jüdischen Religionsgesetzen, zum anderen wurde sie Grundlage für die Ermordung von Millionen Juden.

In der Tierwelt unterscheiden wir nach Rassen. Sie stehen für Merkmale der Untergruppen einer Art. Eine relevante biologische Verbindung zwischen Menschen, so ist man sich heute sicher, besteht lediglich mit der eigenen Familie über die DNA. Darüber hinaus gibt es etwa regionale oder kulturelle Gemeinsamkeiten von Menschen. Aber ‚Menschenrassen‘, so ist sich die Wissenschaft einig, gibt es nicht.

Nach dem Holocaust: Sekundärer Antisemitismus

Aus dem Nationalsozialismus entwickelte sich wieder ein neuer Antisemitismus. Er wird in der Wissenschaft als ’sekundärer Antisemitismus‘ bezeichnet. Sekundär bedeutet „nachträglich hinzugekommen“ oder auch „darauf folgend“. Zvi Rix, ein Psychologe, der aus Wien stammte und nach Palästina flüchten musste, hat diesen bekannten Satz gesagt, über den nachzudenken sich auch heute noch lohnt: „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!“

Nach dem Nationalsozialismus war es schwierig, ein positives deutsches Nationalgefühl nach Außen zu tragen. Deutschland und die Deutschen unter der Führung von Hitler trugen unwiderlegbar die Schuld an unfassbaren Gräueltaten und Zerstörung. Da es Menschen unmöglich ist, sich ausschließlich schuldig zu fühlen, entwickelten die Generationen nach dem Nationalsozialismus Strategien, diese Schuld abzuwehren. Das ist oft kein wirklich bewusster Vorgang, vielmehr eine moralische Erklärung des eigenen Handelns. ‚Sekundärer Antisemitismus‘ wird die Schuldabwehr genannt, die so doch ein gewisses positives deutsches Selbstbild ermöglicht. Drei Strategien zur Schuldabwehr werden hier in Deutschland heute benannt:

  1. Die Leugnung der Judenvernichtung: Es gibt zahlreiche Personen, die in Büchern oder Videobeiträgen angeblich belegen, dass es den Holocaust nie gegeben hat, viel weniger Menschen umkamen oder auch sonst alles ganz anders war.
    Holocaustleugnung steht unter Strafe!
  2. Die Verminderung der deutschen Schuld durch Schuldumkehr oder Verharmlosung: Die Verbrechen der Shoah wurden (und werden) kleingeredet, indem sie mit anderen Verbrechen verglichen oder gleichsetzt werden. „Die anderen sind genauso schlimm!“ liest oder hört man immer wieder mal. Wenn die anderen genauso verwerflich handel(te)n, ist die eigene Tat dann nicht mehr so schlimm.
    Tatsächlich wird besonders Israel mit Argusaugen betrachtet. Israels Verhalten gegenüber den Palästinensern wird etwa häufig als quasi ähnlich verwerflich dargestellt, wie das, was Deutschland den Juden angetan hatte. ‚Der Jude‘ wird vom ‚Opfer‘ (im Nationalsozialismus) zum ‚Täter‘ (in Nahost). Die Juden verlieren so ihre Nachkriegsrolle als ‚unschuldige‘ Opfer.
  3. Die Schlussstrichforderung: Es dauerte nicht lange, bis es Stimmen gab, die forderten, einen Schlussstrich unter die Schuld der nationalsozialistischen Verbrechen zu ziehen. Als Argumente hierfür kamen etwa, dass man die Schuld aufgearbeitet habe, etwa vor Gericht, oder dass die Zeit des Nationalsozialismus schon so lange zurück liege. Tatsächlich tragen viele jüdische Familien persönlich noch schwer am Erbe des Nationalsozialismus, wohingegen es für nichtjüdische Familien meistens nur noch ein Kapitel der Geschichte ist. Dabei geht es nicht um persönliche Schuld, sondern um die besondere Verantwortung, nie wieder so etwas geschehen zu lassen.

Parallel zur sog. Wiedergutmachung, also der Aufarbeitung der Verbrechen und finanziellen Entschädigungen, entwickelte sich unter Deutschen immer wieder der Vorwurf, Juden wollten einen Nutzen aus dem Holocaust ziehen, indem sie etwa Geld vom deutschen Staat bekämen oder ihnen aus Schuldgefühl mehr Rechte gewährt würden. Eines der wenigen Rechte, das Juden im Gegensatz zu Christen und nichtjüdischen Deutschen haben ist der Polizeischutz jüdischer Veranstaltungen, Institutionen und Synagogen. Ein Privileg auf das Juden und Jüdinnen in Deutschland gerne verzichten würden.

Israelbezogener Antisemitismus

Wir haben gesehen, dass Antisemitismus viele Gesichter hat. Er kann sich auch als „Kritik an Israel“ tarnen, das nennt man israelbezogenen Antisemitismus.

Israel, das kann man vielfach sehen und hören, ist für Menschen in Deutschland von besonderem Interesse. Das kommt mit daher, dass man in Deutschland eine besondere Verantwortung hat, nachdem hier versucht wurde, alle Juden umzubringen, die Verantwortung, dass so etwas niemals wieder jemanden passiert und die Verantwortung, dass Juden nicht bedroht und verfolgt werden. Weil Deutschland jetzt aber „geläutert“ ist (also seine nationalsozialistische Gesinnung abgelegt hat), legen hier nun auch nicht wenige einen hohen moralischen Anspruch an Israel – und seine Juden.

Die Geschichte des Staates Israel und seine Beziehungen zu Deutschland sind ausschlaggebend, um zu verstehen, warum Kritik an Israel antisemitisch sein kann (Mehr dazu hier). Israel wird in seinem Landerwerb und in seiner Behandlung der palästinensischen Bevölkerung vorgeworfen, sich nicht richtig zu verhalten. Das alleine ist aber natürlich nicht antisemitisch. Denn genau wie jeden anderen Staat der Welt, kann man auch Israel kritisieren, auch mit scharfen Worten.

Um zu erkennen, ob es sich um antisemitische Ansichten handelt, kann man den 3D Test anwenden. Die 3Ds stehen für „Dämonisierung“, „Delegitimierung“ und „Doppelstandards“.

Dämonisierung: Juden wurde über Jahrhunderte vorgeworfen, hinterlistige Kindermörder oder Brunnenvergifter zu sein. Diese alten Vorurteile leben im israelbezogenen Antisemitismus weiter. Israel wird als rachsüchtig gezeigt, das die Palästinenser gezielt auslöschen will. Israel wird auch als Kindermörder dargestellt, dessen Armee angeblich palästinensische Kinder mit Vorsatz töte. Immer wieder gibt es den Vorwurf, dass Israel den Palästinensern das Wasser stehle oder das Trinkwasser ungenießbar mache.

Die Dämonisierung zeigt sich nicht selten über Karikaturen. Hier ein Beispiel aus einer großen deutschen Tageszeitung. Die Karikatur erschien, nachdem 2018 die israelische Sängerin Neta den European Song Contest (ESC) gewonnen hatte. (Hier Neta beim ESC 2018 für Israel). Die Karikatur zeigt Israels Premierminister im Kleid von Neta mit einer Rakete in der Hand. Er sagt: „Nächstes Jahr in Jerusalem“, der traditionelle Ausspruch an Pessach. Jerusalem ist auch der zentralste Ort im Streit zwischen Israel und Palästinensern. Die Karikatur wurde scharf kritisiert, denn viele Menschen sahen den antisemitischen Anteil in der Zeichnung, die Israel als kriegslustig herabwürdigt und dem Premier vorwirft, den ESC auszunutzen.

Delegitimierung: 1948 wurde der Staat Israel gegründet (Mehr darüber hier). Delegitimierung bedeutet, Israel das Recht auf seine Existenz abzuerkennen. Dabei geht es heute kaum noch darum, dass es Israel gar nicht mehr geben dürfte – gut 160 Staaten erkennen Israel heute an. Es geht eher um die Fragen (1) welche Grenzen von Israel die richtigen sind, (2) ob Juden in den palästinensischen Gebieten Siedlungen bauen dürfen, (3) um die Frage, wem Jerusalem -oder zumindest welcher Teil von Jerusalem- gehört und (4) ob jene, die vor 1948 dort lebten (und deren Nachfahren) das Recht haben, zurückzukehren (was bedeuten würde, dass es keine jüdische Mehrheit mehr in Israel geben würde).

Nochmal: Kritik an Israels Politik ist nicht automatisch antisemitisch. Auch in Israel und unter Jüdinnen und Juden gibt es viel Kritik an Israels Politik. Problematisch wird es, wenn die Kritik so weit geht, dass es Israel dort nicht geben darf oder Israel abgesprochen wird, sich selbst verteidigen zu dürfen. Auf anti-Israel Demonstrationen wird von vielen, vielen Einzelpersonen der Wunsch nach der Auslöschung Israels geäußert. Israel seine Existenz absprechen und gar vernichten zu wollen ist antisemitisch.

International größtenteils als antisemitisch anerkannt sind auch Aussagen und Handlungen der Boykott Israel Bewegung (BDS). Hier wird (beispielsweise in Deutschland) dazu aufgerufen, Waren aus Israel zu boykottieren, d.h. nicht zu kaufen. Die Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung ist in manchen Fällen so groß, dass nicht nur bessere Lebensbedingungen, sondern die Rückgabe des Landes gefordert wird. Dabei wird auch Terror als reine Verteidigung der Palästinenser entschuldigt.

Doppelstandards: Manche Kritik an Israel gilt gewissermaßen nur für Israel, wird aber nicht bei anderen Ländern oder Personen angelegt. Es gibt viele Länder, die Gebiete besetzt halten, doch davon ist bei vielen Israelkritikern nichts zu hören. Besonders deutlich ist das wiederum bei BDS, der Boykott Israel Bewegung. Hier werden Maßstäbe in der Kritik an den Tag gelegt, die für Israel gelten, bei anderen Ländern aber nicht zu ähnlichen Protest führen. Warum nicht, muss man sich fragen?

Auch die Frage des Flüchtlingsstatus ist ein Beispiel für doppelte Standards. So wird häufig gefordert, dass die 1948 aus dem heutigen Israel geflohenen und vertriebenen palästinensischen Flüchtlinge ein Recht auf Rückkehr haben sollten. Aber was ist mit den jüdischen Flüchtlingen aus den arabischen Ländern? Sollten nicht auch sie dieses Recht erhalten? Man muss sich hier fragen, warum man nicht erst einmal engagiert vor seiner eigenen Tür kehrt.

Die Antisemitismus-Forscher Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz haben noch ein 4. D hinzugefügt, nämlich die Derealisierung. Israel wird so oft verzerrt und falsch dargestellt, dass sich falsche Bilder in den Köpfen festgesetzt haben. Das 4. D ist die Vorraussetzung dafür, dass die anderen 3 Ds so wirkungsvoll sind.

Unvoreingenommen ist keiner von uns, die Meinungen zu Israel beinhalten oft eine ganz schön große Bandbreite an Wissen und Einschätzungen der deutschen Geschichte, Geschichte der Juden, des Nahen Ostens und mehr.

Islamischer Antisemitismus

In der arabischen Welt kam es mit dem Propheten Mohammed, im 7. Jahrhundert, zur Verbreitung antijüdischer Vorstellungen. Mohammed war zunächst nicht gegen Juden eingestellt. Weil sie ihn aber nicht als den Propheten Gottes anerkennen wollten, vertrieb er sie aber aus Medina. Medina ist die zweitwichtigste heilige Stadt des Islam. Seitdem galten Juden im Islam als gedemütigt und feige – ganz im Gegensatz zum Bild der Juden im Christentum, wo sie als vermeintliche Mörder von Jesus eher als Gefahr wahrgenommen wurden.

Juden lebten in der arabischen Welt trotzdem relativ gut mit dem entstehenden Islam. Sie waren zwar, wie Christen, Menschen zweiter Klasse, aber man lebte größtenteils in Frieden miteinander. Erst ab den 1930er Jahren kam, geschürt durch Hitler und die Nationalsozialisten, der westliche Antisemitismus langsam in der arabischen Welt an. Die Nazis wiegelten die Muslime mit ihren Vorurteilen auf und und versprachen, die etwa 700.000 Juden der Region zu vertreiben. Die Juden aber wurden nicht nur nicht vertrieben, es kamen sogar immer mehr und der Staat Israel wurde gegründet.

Der Grossmufti von Palästina, Amin al Husseini,  in einer Unterredung mit Adolf Hitler, Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1987-004-09A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

Im islamischen Antisemitismus wurden die Bilder aus christlichem, nationalsozialistischem und islamischem Antisemitismus nun vereint. Der Jude wird dabei einerseits mit seiner Schwäche und Feigheit dargestellt, andererseits als heimlichen Herrscher der Welt gefürchtet. Zudem ist die palästinensische Bevölkerung dem arabischen Weltbild zufolge Opfer – und zwar Opfer einer israelischen Besatzung, was den Hass vieler arabischer Staaten und Muslime auf sich zieht.

Unter Muslimen in Deutschland findet sich importierter islamischer Antisemitismus. Viele Muslime, die aus arabischen Ländern einwanderten, wuchsen in einer Gesellschaft auf und erhielten eine Schulbildung, in der Juden und der Staat Israel offen abgelehnt werden. Antisemitismus ist oft, beispielsweise in Saudi Arabien oder dem Iran, „normal“, kein Problem und die gängige Meinung der Regierung und Bevölkerung. Diese Einstellung hält sich oft hartnäckig in den nachfolgenden Generation, auch wenn die Familie schon länger in Deutschland lebt.

Der Psychologe Ahmad Mansour, der selbst als muslimischer Araber in Israel aufgewachsen ist und seit 2004 in Deutschland lebt, sagt über Antisemitismus unter Muslimen: „Ja, Antisemitismus ist ein herkunftsübergreifendes Phänomen, das man links, rechts und in der Mitte dieser Gesellschaft findet. Jedoch ist der muslimische Antisemitismus besonders zu erwähnen, weil dieser Antisemitismus die Verklemmtheit der Deutschen beim Umgang mit Juden nicht kennt. Er ist Teil der kindlichen, religiösen und politischen Erziehung in vielen Familien. Er ist dreister, emotionaler und aggressiver.“

Im Video unten wird über den Rap deutlich, wie islamischer Antisemitismus sich zum einen gewandelt hat, zum anderen auch selbstverständlicher Teil der deutschen Kultur und Gesellschaft geworden ist. Der ‚migrantische Rapper‘ ist dabei ein stilistisches Mittel, das gewählt wird und ankommt.

Hass im Netz

Im Internet gibt es eine nahezu unüberschaubare Vielzahl von Inhalten. Dabei ist es oft schwer einzuschätzen, was für eine Seite man vor sich hat. Antisemitische Inhalte im Internet sind manchmal ganz deutlich und vulgär, manchmal aber auch pseudowissenschaftlich verpackt und schwer zu enttarnen.

Das Internet bietet in jedem Fall erstmal besondere Möglichkeiten des Austauschs. Aber gleichzeitig liegen darin auch viele Gefahren. Das ist nicht nur in Bezug auf Antisemitismus so und bestimmt hast Du mit Deinen Eltern oder in der Schule schon davon gehört. Hier einige dieser Eigenheiten in Bezug auf Antisemitismus:

  • Schnelligkeit: Das Internet ist ein schnelles Medium: Schnell geschrieben, schnell gepostet, schnell gelesen, schnell reagiert.
    Was hat das mit Antisemitismus zu tun?
    Vielleicht disst jemand einen anderen in den sozialen Medien schnell mal als ‚Jude‘, weil er sich darüber beispielsweise ärgert, nicht von dem anderen in die Mannschaft im Sportunterricht gewählt worden zu sein oder er lässt seinem Ärger über Israel freien Lauf, weil es im Nahen Osten aktuell zu Gewalt kam. Wahrscheinlich weiß derjenige selbst, dass hierfür nicht ‚die Juden‘ oder ‚die Israelis‘ als Ganzes verantwortlich sind. Vielleicht tut es einem später sogar leid. Aber man hat bereits zahlreiche Leute erreicht und einen Inhalt geteilt, der, genau genommen, antisemitisch ist.
    Auch die Leserinnen und Leser können aus dem Bauch heraus reagieren und so entsteht ganz schnell etwas, das es ohne Internet in dieser Form gar nicht gegeben hätte.
  • Vernetzung: Es ist über das Internet leicht möglich, auch ohne räumliche Nähe oder persönliche Kontakte, Menschen mit gleichen Interessen zu finden. Ihr wisst sicher von vielen Gruppen, die es in den Sozialen Medien gibt, zu allen möglichen Themen. Darunter finden sich auch solche, die judenfeindlich sind. Es ist leicht, rein zu schnuppern und dort neue ‚Freunde‘ zu finden.
  • Bestärkung: Im Internet ist es einfach jemanden zu finden, der die gleiche Meinung teilt, egal wie ausgefallen sie ist. Haben viele Menschen die gleiche Einstellung, fühlt man sein Argument unterstützt und sich als Teil der Gruppe. Leider trifft das auch auf ganz absurde Meinungen zu, wie zum Beispiel die, dass die Schoah gar nicht stattgefunden hat. Auf Youtube gibt es viele Filme, in denen angeblich der Nachweis dafür erbracht wird, dass alles erlogen ist. Auch viele Theorien um eine angebliche jüdische Weltverschwörung sind dort zu finden.
    Bei der Fülle an Informationen muss sich jeder Nutzer fragen, ob diese auch wahr sind. Hier findest Du eine gute Checkliste, um zu prüfen, ob man einer Internetseite vertrauen kann.
  • Anonymität: Inhalte, die anonym, also ohne Namen veröffentlich sind, sollte man in jedem Fall mit etwas misstrauen lesen und überprüfen, bevor man sie selbst weiter verbreitet. Die Möglichkeit, anonym zu sein, lässt viele Menschen Grenzen überschreiten, die sie sonst haben. Sie verstecken sich hinter der Anonymität und trauen sich dann zu hetzen.
  • Analoge Sicherheit, digitale Freiheit: Man handelt im Internet aus dem eigenen, geschützten Zuhause heraus. Manch einer fühlt sich anonym und sicher zugleich und stiftet in der großen Welt des Internet Unruhe. Wird es zu viel in der virtuellen Welt, kann man einfach den Computer ausschalten und im realen Leben normal weiter agieren.

Wichtig ist, dass Ihr wachsam seid! Wenn Euch etwas komisch vorkommt, fragt Eure Lehrer und Eltern. Wenn sie es nicht wissen, können sie mit Euch weiter recherchieren. Schließt Euch außerdem nicht mit Menschen zusammen, die ihr nicht kennt und die schlecht über Juden oder Israel schreiben. Es liegt in unserer Verantwortung, uns zu richtig informieren!